MELTING SESSION 2
oder
" Die Polizei im Internet "
20. September 1997, Luxemburg Plateau du St.Esprit. Eigentlich stehen die Sterne gut für das Open-Air Konzert am Abend. Keine Wolken, durch und durch blauer Himmel beim Aufbau der Bühne vor dem Cyber-Café auf dem grossen Platz. Langsam trudeln die Bands mit Anhang ein und installieren sich auf der Bühne für die MELTING SESSION No.2. Bei diesem Konzept-Konzert mit mehreren Gruppen geht es darum keine musiklose Umbaupause beim Wechseln der Bands entstehen zu lassen, jede Gruppe kann ihr jeweiliges Programm in mehrere Teile aufsplitten. Diese Konzertteile werden dann mit passenden Videobildern auf einer Grossleinwand von MELTING POL zusammengeschmolzen. Ein paar von euch kennen das vielleicht schon von der Meslting Session No.1 am 5. Dezember 1996 im Pulp-Club, wobei EDE WOLF, SONIC ATTACK und BSE mitwirkten.
Heute heisst das Programm : MARSUPILAMI INCEST, dEFDUMp und BSE. Zusätzlicher Gast auf der Bühne ist GUY HARY mit Live-Airbrushing. Nach vielem hin- und herschieben auf der Bühne und nach dem Soundcheck kann die MELTING SESSION No.2 mit einer Stunde Verspätung endlich gegen 22h00 beginnen. Es haben sich 70-80 Leute angesammelt, die das spannende Intro von MARSUPILAMI INCEST verfogen. Das Stück, ein Tribut an Harald Juhnke wird von Dr. Monto gebührend wehleidig vorgetragen und betextet. Nicht aaatypisch für den immer noch hochtronenden Doktor und Vollblutmusiker sind auch die Nebengeräusche und die dazugehörigen Instrumente (Schleifmaschine, Blech, Telefon, Styropor, 2 Vibratoren, ...), auf den Schlagzeug-Synthie-Teppich draufgelegt ergibt sich dann der " Houba-Electro-Fusion " Sound.
Aus einer grossen Dampfwolke treten dann die Jungs von dEFDUMp hervor und drängen mit Ihren rauhen Gitarren langsam aber sicher die Synthies von der Bühne. " Hemp Core " nennt sich der Sound, der neben 2 Gitarren, Bass und Gesang von einem wilden Schlagzeuger unterstützt wird. Man merkt, die Jungs haben Spass an Ihrer Musik und verbringen viele Stunden im Proberaum. Während die Videobilder im Schnelldurchgang laufen um dem schnellen Rythmus von dEFDUMp zu folgen, fängt GUY HARI eher gelassen und ruhig an seine Leinwand mit abstrakten Formen zu besprayen.
Beim Übergang zu BSE werden dann das Schlagzeug und der Bass durch Sequenzer-Töne ersetzt, übrig bleiben NUR 2 Gitarren, und überraschenderweise neuerdings auch ein Sänger der die beiden, von der Krankheit bereits schwer gezeichneten Musiker unterstützt. Der Sound ist rauh und laut wie immer und kommt ganz gut rüber mit der neuen Stimme " Et haat keen mat ons gerechnet, op eemol waren mer do ". Die Ufos auf der Videoleinwand und die langsam aber sicher entstehende Kuh auf Guy Haris Leinwand tragen den Rest zur guten Stimmung auf dem Platz vor dem Cyber-Café bei.
Die auf dem Dach installierte Web-Cam speist das Gesamtbild live ins Internet. Somit kann die ganze Welt über das WWW teilhaben an diesem Event, sowie auch an den UNIFORMEN die plötzlich in der Kulisse erscheinen : " Machen Sie das Ding leiser ! " werde ich angepöbelt von einem der beiden ungebetenen Gäste, instinktiv und etwas erschrocken über die Unfreundlichkeit fahre ich den Schieber von dem Videomischpult etwas runter " Noch leiser " schreit der andere. Nachdem ich den unverständlichen agressiven Blicken dann versuche zu erklären, dass ich mit dem Mann am Musikmischpult sprechen müsste, verlangen die Uniformen neben Zimmerlautstärke auch noch eine Genehmigung. Dieselbe für " freie Nacht " wird sofort vorgezeigt, doch die Uniformen geben sich mit dieser nicht zufrieden und wollen diese mysteriöse andere Genehmigung die es nicht gibt (also inexistent ist), da für Konzertveranstaltungen im Freien nach 22h00 nichts in der luxemburgischen Gesetzgebung vorgesehen ist (Die Mainstream-Veranstaltungen wie z.b. ROCK UM KNUEDLER sind also auch nicht im Besitz einer solchen ! ! !). Sie drohen dann in 10 Minuten mit Verstärkung wiederzukommen, wenn wir nicht auf Zimmerlautstärke das Konzert zu Ende fahren würden. Mit halber Lautstärke versuchen BSE " Et haat keen mat hinnen gerechnet op eemol waren dFlicken do ! " dann doch noch die Stimmung zu retten. Pünktlich nach 10 Minuten gabs dann ein " Blue-Light Special " mit 2 Autos für den Cyber-Café, eine Geldstrafe wegen Ruhestörung und die sofortige Auflösung der Veranstaltung. So zeigten die UNIFORMEN als Hauptdarsteller an dem Abend im wwww.café.lu der ganzen Welt wie Sie Ihrer Chefin einen kräftigen Fusstritt in den Allerwertesten verpassen. Diese, in Ihrere Funktion als Bürgermeisterin der Stadt Luxemburg hat schlieslich den Plateau du St.Esprit inklusive Strom- und Wasseranschluss für das Projekt zur Verfügung gestellt. " Cyber Action For Europe " oder kurz CAFE genannt sollte im Rahmen der kulturellen Veranstaltungen des Luxemburger EU-Vorsitzes stattfinden. Gemeinsam von P&T-Luxemburg, dem Kulturministerium, der Luxemburgischen Agentur für kulturelle Aktion und der Dienststelle für Medien und Audiovisuelles mitfinanziert, sollte es den Besuchern ein breites Spektrum aus den Bereichen Video, Musik und bildender Kunst bieten, wobei in den Pressemitteilungen u.a. auch von Live-Konzerten gesprochen wurde. Anscheinend mag unsere L. W-P. diese Fusstritte, denn nach den ersten Auftritten der Uniformen mit gleichen Folgen bei den vorherigen Konzerte, und nach eingreifen von Cl. Frisoni (luxemburgische Agentur für kulurelle Aktion) schien die besagte immer noch ihren Allerwertesten hinzuhalten pflegen. M.P.